Sprechapraxie

Die Sprechapraxie ist eine Störung der Handlungsplanung beim Sprechen Apraxie, die sich auf die Sprechmotorik und deren geplante Bewegung auswirkt.

Beschreibung

In der neueren deutschen Literatur wird die Sprechapraxie im Allgemeinen als Störung der Programmierung von Sprechbewegungen definiert. Diese Definition ist empirisch allerdings (noch) nicht verifiziert, bedingt durch die Schwierigkeit, die sprechmotorische Programmierung gegenüber anderen Komponenten der Sprachproduktion abzugrenzen. Nach Ziegler [1] liegen die Prozesse, die bei Sprechapraxie betroffen sind, an der Schnittstelle traditioneller psycholinguistischer und phonetischer Sprachproduktionsmodelle, weshalb diese Prozesse bisher nur sehr unvollständig verstanden werden. Er schlägt vor, die Programmierungsstörung experimentell durch die Messung von Wahl-Reaktionszeiten nachzuweisen; die Zeit, die für die Initiierung unterschiedlich komplexer Bewegungen benötigt wird, wäre der Index für den jeweils erforderlichen Programmierungs-aufwand". Allerdings wurden bei Patienten mit dem Parkinson-Syndrom und bei Kleinhirngeschädigten schon spezifische Reaktionszeit-Effekte gefunden, so dass auch diese Untersuchung keinen eindeutigen Beweis für das Vorliegen einer typisch sprechapraktischen Störung im Sinne einer Programmierungsstörung liefert.

Kent und Rosenbek [2] halten nach einer genauen akustischen Analyse apraktischer Äußerungen sowohl eine Programmstörung als auch eine phonologische Störung für mögliche Ursachen der Sprechapraxie.

Einige Fachleute [3] halten die Sprechapraxie für kein eigenständiges Syndrom, sondern für ein Mischsyndrom aus Aphasie und Dysarthrie.

Symptome

Nach Ziegler manifestieren sich sprechapraktische Störungen auf drei Ebenen, und zwar auf der segmentalen und der suprasegmentalen Ebene sowie im Sprechverhalten. Auf der segmentalen Ebene komme es zu Lautentstellungen, zu Phonemfehlern und zu entstellten Phonemfehlern; die suprasegmentale Ebene sei aufgrund von silbischem Sprechen, Sprechpausen, Dehnungen und Iterationen gestört; apraktisches Sprechverhalten äußere sich in Suchbewegungen der Artikulationsorgane, Initiierungsstörungen und Sprechanstrengung.

Auditive und artikulatorische Analyse sprechapraktischer Symptome

Leitsymptom der Sprechapraxie sind Fehler auf der segmentalen Ebene. Es kommt zu Lautentstellungen, wenn ein nicht korrekt artikulierter Laut dennoch der Kategorie des intendierten Phonems zugeordnet werden kann. Ein solcher Lautenstellungsfehler wird auch als phonetischer Fehler bezeichnet. Phonetische Fehler betreffen in den meisten Fällen die temporale, seltener die räumliche Komponente der Artikulation, d. h. Laute oder einzelne Phasen von Lauten werden verlängert, wobei die Konfiguration der Artikulatoren korrekt ist".

Phonemfehler, gleichbedeutend mit phonematischen Fehlern, liegen dann vor, wenn das intendierte Phonem durch ein anderes, korrekt gebildetes Phonem substituiert, oder wenn ein Phonem addiert bzw. elidiert wird. Substitutionen treten sehr viel häufiger auf als Additionen oder Elisionen.

Entstellte Phonemfehler sind eine Mischform aus den oben genannten Fehlertypen, d. h. ein nicht zu erwartendes Phonem wird zusätzlich noch phonetisch entstellt. Diesen Fehlertyp könnte man auch als eine Störung beschreiben, bei der Phoneme bzw. Phone realisiert werden, die für das Deutsche nicht zulässig sind.

Ein weiteres wichtiges Symptom der Sprechapraxie ist die sogenannte Fehlererinkonstanz und -inkonsistenz, d. h. die oben beschriebenen Fehler treten nicht durchgängig auf und sind sehr variabel. Wenn ein intendiertes Wort bei einem ersten Artikulationsversuch z. B. einen phonematischen Fehler enthält, kann es bei einem zweiten Artikulationsversuch entweder richtig realisiert (Fehlerinkonstanz) oder durch einen phonetischen Fehler entstellt werden (Fehlerinkonsistenz).

Ein weiteres bei Sprechapraxie häufig beobachtetes Symptom ist das Auftreten von Suchbewegungen der Artikulationsorgane, besonders bei der Initiierung von Äußerungen. Diese Suchbewegungen können an den sichtbaren Artikulatoren, also Lippen, Kiefer und Vorderzunge beobachtet werden; bei Verwendung spezieller instrumenteller Verfahren wie z. B. der nasalen Endoskopie lassen sich Such-bewegungen auch am Kehlkopf nachweisen.

Starke Suchbewegungen und die damit verbundene Unflüssigkeit der Sprachproduktion rufen oft den Eindruck von Sprechanstrengung hervor. Dieser Eindruck kann auch durch die Erhöhung der Sprechstimmlage oder durch eine Störung der Koartikulation hervorgerufen werden (vgl. //Ziegler//, 1991,94).

Hauptsymptom gestörter Prosodie ist das silbische Sprechen (auch als skandierendes Sprechen bezeichnet), daß sich durch intersilbische Pausen, eine fehlende Vokalreduktion in unbetonten Silben oder eine mangelhafte Koartikuation an Silbengrenzen äußert (vgl. //Ziegler//, 1991:94). Sprechpausen, Iterationen, Lautdehnungen und Lautauslassungen stören zusätzlich die Prosodie. Allerdings lassen sich bei Patienten mit starker Sprechapraxie die Aspekte der Prosodie nicht mehr beurteilen, da kaum mehr zusammenhängende Äußerungen auftreten.

Je höher der Grad der sprechmotorischen Anforderung, desto größer ist die Zahl der Fehler. Im Allgemeinen treten bei Konsonanten mehr Fehler auf als bei Vokalen, da erstere eine höhere zeitliche Präzision der Artikulationsorgane erfordern als letzere. Außerdem sind Frikative fehleranfälliger als Plosive, da schon eine geringfügige artikulatorische Abweichung zu einer Veränderung der frikativischen Lautqualität führt.

Bei zunehmender Wortlänge nimmt die Fehlerhäufigkeit ebenfalls zu (Wortlängeneffekt). Außerdem ist die Fehlerwahrscheinlichkeit am Wortanfang höher als wortmedial oder wortfinal.

Akustische Analyse sprechapraktischer Symptome

Kent und Rosenbek beschreiben [4] die akustischen Muster sprechapraktischer Symptome. Sie sehen, genau wie Ziegler, ein sprechapraktisches Leitsymptom in der Addition, Substitution und Elision von Phonemen. In Abbildung 4 sieht man ein Spektrogramm, das eine Vokalsubstitution bei der Produktion des Wortes /church/ darstellt:

Ebenso konnten sie im Spektrogramm das silbische Sprechen eines Apraktikers aufzeichnen, der das Wort /refrigerator/ artikulierte.

Aufgrund ihrer akustischen Analyse stießen //Kent & Rosenbek// auf weitere Symptome und Auffälligkeiten sprechapraktischer Äußerungen, die auditiv nicht wahrgenommen werden, und deshalb bei der allgemein üblichen Beschreibung von Sprechapraxie auch nicht berücksichtigt werden.

Bei einem Vergleich zwischen einem apraktischen und einem nichtapraktischen Sprecher ergab sich, dassdie Artikulation bei Sprechapraxie erheblich verlangsamt ist (articulatory prolongation"), d.h. die steady-state-Segmente" und die dazwischen-liegenden Transitionen sind länger als bei nichtapraktischer Sprache.

Ein weiteres sprechapraktisches Symptom auf akustischer Ebene ist die abgeflachte Intensitätskurve für Wörter bzw. Silben einer Äußerung.

Ein prosodisches Merkmal, daß auch bei Sprechapraxie weitgehend stabil bleibt, ist das Abfallen der Grundfrequenz am Satzende, selbst wenn die apraktischen Sprecher innerhalb einer Äußerung eine von der Normalität abweichende Grundfrequenz aufweisen!

Zusammenfassend läßt sich sagen, daß sich in der akustischen Analyse für die Sprechapraxie typische Symptome nachweisen lassen, die rein auditiv nicht erkennbar sind. Allerdings betonen KENT & ROSENBEK am Ende ihres Aufsatzes, daß diese Ergebnisse auch keine neuen Schlußfolgerungen bezüglich der Definition bzw. der Einordnung von Sprechapraxie zulassen.

Ursachen

Häufigste Ursache von Sprechapraxie sind zerebro-vaskuläre Erkrankungen, also Gefäßverschlüsse oder -brüche im Gehirn, wie sie z. B. durch einen Hirninfarkt (Schlaganfall) entstehen. Bei den meisten sprechapraktischen Patienten finden sich Läsionen im Versorgungsgebiet der mittleren Hirnarterie (Arteria cerebri media [1]) der sprachdominanten Hemisphäre.

Zu den betroffenen Gehirnarealen gehören also der motorische Gesichtskortex, die unmittelbar angrenzende Region des frontalen Operkulums, die Inselrinde sowie das darunterliegende Marklager.

Außerdem können auch subkortikale Läsionen eine Sprechapraxie verursachen. Eine Schädigung des Sprachzentrums muß nicht notwendigerweise vorliegen, allerdings sind reine Sprechapraxien sehr selten, sie treten meist in Verbindung mit einer Aphasie auf.

Literatur

  1. Einführung in die Aphasiologie. Theorie und Praxis, HochschulVerlag, Mainz 1991
  2. Kent & Rosenbek, 1983:247
  3. Kerschensteiner, Poeck, Huber, Stachowiak, et al., 1978
  4. Acoustic Patterns of Apraxia of Speech, 1983, Seite 231ff
  1. KERSCHENSTEINER, M., POECK, K, HUBER, W., STACHOWIAK, F. J., WENIGER, D. (1978) Die Broca-Aphasie. Jornal für Neurologie 217:223-242.
  2. KOLB, C. (1995) Die Sprechapraxie. Eine Diplomarbeit. Forschungsstelle für Patholinguistik, Köln.
  3. MEYER, J. (1997)
  4. SPRINGER, L. (1995) Erklärungsansätze und Behandlung sprechapraktischer Störungen. (in "Forum Lgopädie", Heft 3:3-7)