Poltern

Aus logopädisches Weblexikon
Wechseln zu: Navigation, Suche

Poltern gehört zu den Redeflussstörungen und ist eine Störung auf der pragmatisch-kommunikativen Ebene. In der Literatur werden für diese Sprech-Sprachstörung Battarismus, Tachyphemie, Tumultus sermonis oder Paraphrasia praeceps synonym verwandt.

Phänomenologie

Die Symptomatik von Poltern kann sehr verschieden sein. Da Poltern nicht systematisch erforscht wird, gibt es in der Wissenschaft sehr unterschiedliche Angaben hierzu. Inzwischen kennt man die meisten Symptome, aber ob sie notwendige oder nur mögliche Symptome sind, ist bei vielen umstritten. (Vgl. Middelhove, Iris: Redefluss-Störungen, in: Pabst-Weinschenk, Marita (Hrsg.): Grundlagen der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung, München 2004, S. 220-222, sowie auch zum Folgenden Maria-Dorothea Heidler: Ist Poltern ein exekutives Problem?, in: Forschung Sprache - E-Journal für Sprachheilpädagogik, Sprachtherapie und Sprachförderung, 1 (1/2013, Mai 2013), S. 23-35, hier: 23-24, 29-30.) Nach Ulrike Sick lassen sich die Symptome des Polterns in zwei Gruppen aufteilen (Vgl. zum folgenden die Darstellung von Ulrike Sick.):

Kernsymptome

  • zu schnelle und unregelmäßige Sprechgeschwindigkeit
  • Silben- bzw. Lautverschmelzungen (Elisionen)
  • Lautersetzungen und Lautveränderungen
  • Unflüssigkeiten und Interjektionen (Embolophrasien)

Diese obligatorischen Symptome charakterisieren Poltern als Sprechstörung.

Nebensymptome

Nebensymptome können vorhanden sein; sie sind aber nicht wesentlich für das Vorliegen einer Polterproblematik.

  • Sprachstörungen
  • Aufmerksamkeitsprobleme
  • Stotterproblematik

Nebensymptome sind auch solche, die Poltern als eine Sprachstörung oder Sprachgestaltungsschwäche auszeichnen.

Sekundärsymptomatik

Als Reaktion auf die Kernsymptomatik und deren Auswirkungen im sozialen Bereich entsteht vor allem bei Polterern mit guter Eigenwahrnehmung eine Sekundärsymptomatik, die der von Stotterern ähnlich ist: Vermeidung von Blickkontakt, bestimmten Sprechsituationen (wie Telefonieren) oder des Sprechens selbst. Als Folgesymptom entsteht bei Polterern mit sehr ausgeprägtem Störungsbewusstsein oft eine Logophobie, so dass das Sprechen meist auf das Allernotwendigste reduziert wird.

Frühere Annahmen

Früher meinte man, dass Polterer eine schlechte Handschrift hätten, über eine sehr eingeschränkte oder keine Wahrnehmung ihrer Sprechstörung verfügten, leicht ablenkbar und hyperaktiv seien. Zudem wurde angenommen "der Polterer" als solcher hätte bestimmte Persönlichkeitszüge, die in jeder Hinsicht das Gegenteil der "Stottererpersönlickeit" darstellen sollten. Diese Annahmen und weitere Spekulationen waren Vermutungen, die auf der Verallgemeinerung von Einzelfällen beruhten und heute nicht mehr haltbar sind; sie können als widerlegt gelten.

Diagnose

Trotz bis heute ungeklärter Ätiologie wird Poltern in der ICD-10 unter der Codenummer F98.6 aufgeführt, also in die Gruppe Psychische und Verhaltungsstörungen und dort in die Untergruppe Andere Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend eingeordnet.

Differentialdiagnose

Differenzialdiagnostisch ist Poltern zum Stottern und den Ticstörungen abzugrenzen. Im Hinblick auf Stottern unterscheidet sich die Poltersymptomatik dahingehend, dass Polterer normal sprechen können, wenn sie sich aktiv auf das Sprechen konzentrieren. Beim Stottern ist das Gegenteil der Fall, d.h. die Stottersymptomatik verstärkt sich in diesem Fall.

Ätiologie

Es gibt eine Vielzahl von Theorien, welche die Entstehung des Polterns zu erklären versuchen. Bisher gibt es für keine dieser Theorien ausreichende empirische Belege. Das heißt, dass es heute keine abschließende Antwort auf die Frage gibt, wie Poltern entsteht und welche Ursachen es hat. Die bestehenden Theorien lassen sich in psychodynamische, genetische, neuropsychologische, Breakdown- und Lerntheorien einteilen.

Therapie

Bisher existiert kein besonderes Therapiekonzept hierfür. Oft wird die Atemrhythmisch Angepasste Phonation nach Coblenzer/Muhar angewandt. Das kinästhetisch-kontrollierte Sprechen (KKS) nach Zückner ist ebenfalls ein Weg, um das Sprechen polternder Menschen zu verbessern. Bei Patienten ohne Störungsbewusstsein ist zuerst hier anzusetzen und dann wird meist an der Sprechgeschwindigkeit gearbeitet.
Eine vollständige Heilung im Sinne einer absoluten Symptomfreiheit in allen Situationen ist beim Poltern insbesondere im Erwachsenenalter schwer oder gar nicht erreichbar. Laut Ulrike Sick existiert nur ein einziger belegter Fall einer Heilung und zwar eines polternden Kindes. Sicks Ansatz zur Behandlung umfasst 12 Therapiebereiche, die je nach Patient eine unterschiedlich große Rolle spielen: Schulung von Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung, Prosodie, auditiver Wahrnehmung und Verarbeitung, Atmung und Stimme (z.B. durch AAP), die Erarbeitung von Sprechpausensetzung, Verringerung des Sprechtempos, die Behandlung sprachlicher und kommunikativ-pragmatischer Defizite - Sprechunflüssigkeiten werden normalerweise nur bei Mischformen mit Stottern direkt behandelt. Außerdem gehört zu den von Sick beschriebenen Bereichen noch die Veränderung negativer Einstellungen und Persönlichkeitsmuster.

Besonderheiten und Forschungsstand

Über diese Sprech-Sprachstörung gibt es vergleichsweise wenig Literatur; es existieren keine Selbsthilfegruppen und sehr viel veraltetes Material bzw. Literatur, die nicht auf dem aktuellen Kenntnisstand beruht, sondern spekulativ angelegt ist. Nachdem über Jahrzehnte keine Monographie zum Poltern erschienen ist, wurden seit 2002 einige Publikationen veröffentlicht, die auf dem neuesten Stand sind.
Poltern wird nicht systematisch erforscht. Es laufen kaum Projekte; es gibt im Grunde nur Untersuchungen von Einzelpersonen und wenig wissenschaftliches Interesse am Poltern als Sprech-Sprachstörung. Seit Mai 2007 besteht die International Cluttering Assosication, in der sich Logopäden, Ärzte und Patienten zusammengeschlossen haben, um sich speziell dem Thema Poltern zu widmen. Anlass der Gründung dieses Fachverbandes war ein Kongress in Raslog (Bulgarien), der dem Poltern gewidmet war. Ansonsten gibt es keine Gruppierung, insbesondere nicht im deutschen Sprachraum, die sich mit dieser Redeflussstörung befasst.
Im Januar 2014 wurde an der Ruhr-Universität Bochum eine größere Studie mit der Zielsetzung der „Untersuchung der neuronalen Hör- und Sprachverarbeitung bei der Redeflussstörung Poltern“ begonnen. Fachlich geleitet wird diese Polterstudie von Katrin Neumann.

Literatur

Weblinks

allgemeine Informationen

audio-visuelle Medien

Therapiematerial

Vereinigungen