Poltern
Aus logopädisches Weblexikon
Poltern gehört zu den Redeflussstörungen und ist eine Störung auf der pragmatisch-kommunikativen Ebene. In der Literatur werden für diese Sprech-Sprachstörung Battarismus, Tachyphemie, Tumultus sermonis oder Paraphrasia praeceps synonym verwandt.
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[Bearbeiten] Phänomenologie
Die Symptomatik von Poltern kann sehr verschieden sein. Da Poltern nicht systematisch erforscht wird, gibt es in der Wissenschaft sehr unterschiedliche Angaben hierzu. Inzwischen kennt man die meisten Symptome, aber ob sie notwendige oder nur mögliche Symptome sind, ist bei vielen umstritten. [1] Nach Ulrike Sick lassen sich die Symptome des Polterns in zwei Gruppen aufteilen: [2]
[Bearbeiten] Kernsymptome
- zu schnelle und unregelmäßige Sprechgeschwindigkeit
- Silben- bzw. Lautverschmelzungen (Elisionen)
- Lautersetzungen und Lautveränderungen
Diese Symptome charakterisieren Poltern als Sprechstörung.
[Bearbeiten] Nebensymptome
Nebensymptome können vorhanden sein; sie sind aber nicht wesentlich für das Vorliegen einer Polterproblematik.
- Sprachstörungen
- Aufmerksamkeitsprobleme
- Stotterproblematik
- Als Folgesymptom entsteht bei Polterern mit Störungsbewusstsein oft eine Logophobie, so dass das Sprechen meist auf das Allernotwendigste reduziert wird.
Nebensymptome sind auch solche, die Poltern als eine Sprachstörung oder Sprachgestaltungsschwäche auszeichnen.
[Bearbeiten] Frühere Annahmen
Früher meinte man, dass Polterer eine schlechte Handschrift hätten, über eine sehr eingeschränkte oder keine Wahrnehmung ihrer Sprechstörung verfügten, leicht ablenkbar und hyperaktiv seien. Zudem wurde angenommen "der Polterer" als solcher hätte bestimmte Persönlichkeitszüge, die in jeder Hinsicht das Gegenteil der "Stottererpersönlickeit" darstellen sollten. Diese Annahmen und weitere Spekulationen waren Vermutungen, die auf der Verallgemeinerung von Einzelfällen beruhten und heute nicht mehr haltbar sind; sie können als widerlegt gelten.
[Bearbeiten] Diagnose
In der ICD-10 wird Poltern unter der Codenummer F98.6 aufgeführt, also in die Gruppe Psychische und Verhaltungsstörungen und dort in die Untergruppe Andere Verhaltens- und emotionale Störungen mit Beginn in der Kindheit und Jugend eingeordnet.
[Bearbeiten] Differentialdiagnose
Differenzialdiagnostisch ist Poltern zum Stottern und den Ticstörungen abzugrenzen. Im Hinblick auf Stottern unterscheidet sich die Poltersymptomatik dahingehend, dass Polterer normal sprechen können, wenn sie sich aktiv auf das Sprechen konzentrieren. Beim Stottern ist das Gegenteil der Fall, d.h. die Stottersymptomatik verstärkt sich in diesem Fall.
[Bearbeiten] Ätiologie
Es gibt eine Vielzahl von Theorien, welche die Entstehung des Polterns zu erklären versuchen. Bisher gibt es für keine dieser Theorien ausreichende empirische Belege. Das heißt, dass es heute keine abschließende Antwort auf die Frage gibt, wie Poltern entsteht und welche Ursachen es hat. Die bestehenden Theorien lassen sich in psychodynamische, genetische, neuropsychologische, Breakdown- und Lerntheorien einteilen.
Poltern wird nicht systematisch erforscht. Es laufen kaum Projekte; es gibt im Grunde nur Untersuchungen von Einzelpersonen und wenig wissenschaftliches Interesse am Poltern als Sprech-Sprachstörung.
[Bearbeiten] Therapie
Bisher existiert kein besonderes Therapiekonzept hierfür. Oft wird die Atemrhythmisch Angepasste Phonation nach Coblenzer/Muhar angewandt. Bei Patienten ohne Störungsbewusstsein ist zuerst hier anzusetzen und dann wird meist an der Sprechgeschwindigkeit gearbeitet.
Eine vollständige Heilung im Sinne einer absoluten Symptomfreiheit in allen Situationen ist beim Poltern insbesondere im Erwachsenenalter schwer oder gar nicht erreichbar. Laut Ulrike Sick existiert nur ein einziger belegter Fall einer Heilung und zwar eines polternden Kindes. Sicks Ansatz zur Behandlung umfasst 12 Therapiebereiche, die je nach Patient eine unterschiedlich große Rolle spielen: Schulung von Aufmerksamkeit, Selbstwahrnehmung, Prosodie, auditiver Wahrnehmung und Verarbeitung, Atmung und Stimme (z.B. durch AAP), die Erarbeitung von Sprechpausensetzung, Verringerung des Sprechtempos, die Behandlung sprachlicher und kommunikativ-pragmatischer Defizite - Sprechunflüssigkeiten werden normalerweise nur bei Mischformen mit Stottern direkt behandelt. Außerdem gehört zu den von Sick beschriebenen Bereichen noch die Veränderung negativer Einstellungen und Persönlichkeitsmuster.
[Bearbeiten] Besonderheiten
Über diese Sprech-Sprachstörung gibt es vergleichsweise wenig Literatur; es existieren keine Selbsthilfegruppen und sehr viel veraltetes Material bzw. Literatur, die nicht auf dem aktuellen Kenntnisstand beruht, sondern spekulativ angelegt ist. Nachdem über Jahrzehnte keine Monographie zum Poltern erschienen ist, wurden seit 2002 einige Publikationen veröffentlicht, die auf dem neuesten Stand sind.
[Bearbeiten] Literatur
- Mariam Hartinger: Untersuchungen der Sprechmotorik von Polterern mit Hilfe der Elektromagnetischen Mediosagittalen Artikulographie (EMMA), Verlag Peter Lang, Frankfurt am Main/New York/Bern 2007, ISBN 978-3-631-55886-7.
- Anja Mannhard: Polterrallye. Ein Spiel zur Therapie von Redeflussstörungen für ältere Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, Schubi-Lernmedien, ISBN 978-3-89891-182-5.
- Susanne Schönmackers: Entspannungsverfahren in der Sprachtherapie mit polternden Kindern, Verlag Ernst Reinhardt, München 2002, ISBN 3-497-01621-7.
- Peter Schneider/Hartmut Zückner: Aachener Analyse unflüssigen Sprechens (AAUS), Verlag U. Natke, ISBN 978-3-936640-06-9.
- Ulrike Sick: Poltern. Theoretische Grundlagen, Diagnostik, Therapie, Verlag Thieme, Stuttgart/New York 2004, ISBN 3-13-131211-4.
- Weber, Christine: Poltern. Eine vergessene Sprachbehinderung, Berlin 2002, ISBN 978-3891669990.
[Bearbeiten] Einzelbelege
- ↑ Vgl. Middelhove, Iris: Redefluss-Störungen, in: Pabst-Weinschenk, Marita (Hrsg.): Grundlagen der Sprechwissenschaft und Sprecherziehung, München 2004, S. 220-222.
- ↑ Vgl. zum folgenden die Darstellung von Ulrike Sick.