Phonologische Prozesse
Aus logopädisches Weblexikon
Phonologische Prozesse beschreiben die Art und Weise eines vom Kind fehlgebildeten Lautes bzw. Wortes.
[Bearbeiten] Auftreten
Phonologische Prozesse sind regelgeleitete Veränderungen der Sprache, i.d.R. als Vereinfachungen beim Spracherwerb. Diese Veränderungen werden im Laufe der sprachlichen Entwicklung schrittweise überwunden, so dass sich das Regelsystem immer mehr dem der deutschen Standardsprache annähert.
Phonologische Prozesse treten gehäuft, vor allem im Alter von 24 bis 36 Monaten auf. Bis zum Alter von 4,5 Jahren sollten, bei normal verlaufender Entwicklung alle phonologischen Prozesse überwunden sein. ( nicht mehr in Erscheinung treten ). Der Lauterwerb ansich, ist bei normaler Entwicklung bis zum Alter von 5 Jahren abgeschlossen.
Phonologische Prozesse sind ein Phänomen des kindlichen Sprach- / Sprecherwerbs. Sie sind bei jedem Kind beobachtbar. Treten sie in dem genannten Zeitraum ( bis 4,5 Jahre ) auf, gelten sie als physiologisch. Man spricht von physiologischen phonologischen Prozessen. Phonologische Prozesse, die über das Alter von 4,5 Jahren hinaus bestehen oder in der Entwicklung des Spracherwerbs nicht mehrheitlich beobachtbar sind gelten als pathologisch. Man spricht von pathologischen phonologischen Prozessen.
[Bearbeiten] Einteilung
Physiologische phonologische Prozesse
Treten in der Entwicklung der Sprache / des Sprechens bei jedem Kind, in unterschiedlicher Art und Weise,in einem fest definierten Zeitraum auf. Tritt ein Prozess in einem der definierten Zeiträume auf, spricht man auch von altersadäquaten phonologischen Prozessen.
Die Zuordnung einzelner phonologischer Prozesse zu einem definierten Zeitraum, richtet sich nach Studien von A. Fox. und B.J. Dodd zum Erwerb des phonologischen Systems in der deutschen Sprache
Pathologische phonologische Prozesse
Sind in der normalen Entwicklung zu keinem Zeitraum oder über einen definierten Zeitraum hinaus zu beobachten.
[Bearbeiten] Prozessarten
Es wird in drei Prozessarten unterschieden.
[Bearbeiten] Strukturelle Prozesse
Diese äußern sich in einer Veränderung der Struktur des Wortes. Also in quantitativer und materieller Veränderung der Wortform.
Bsp. anhand des Wortes "Kanne" Transkription laut IPA ( Internationales phonetisches Alphabet )[1] [ kanə ] Prozess: Tilgung ( wegfallen ) der betonten Silbe : [ kanə ] wird zu [ nə ]
[Bearbeiten] Systemische Prozesse
Zeichnen sich aus durch qualitative, nicht - materielle Veränderungen der Form durch Umstellung und Ersetzung. Die Veränderung geschieht durch Wechsel der Artikulationstelle und / oder des Artikulationsorganes und der Artikulationsart.
Bsp. anhand des Wortes "Kanne" Transkription laut IPA ( Internationales phonetisches Alphabet )[2] [ kanə ] Prozess: Vorverlagerung ( Veränderung der Artikulationsstelle ) : [ kanə ] wird zu [ tanə ] ( "Kanne" - "Tanne" )
[Bearbeiten] Artikulatorische Prozesse
Sie stellen eine Sonderform dar.
Wird ein Laut isoliert fehlgebildet so spricht man von einer phonetischen Störung , also einer reinen Artikulationsstörung.
Bsp. : Der Laut "s" IPA : [ s ] wird isoliert fehlgebildet. Es entsteht ein [ θ ].[3] In diesem Fall spricht man von einem Sigmatismus, umgangssprachlich als Lispeln bezeichnet.
Wird dieser Laut lediglich im Wortgefüge fehlgebildet, kann isoliert jedoch korrekt realisiert werden, so handelt es sich um eine phonologische Störung, die eine fehlerhafte Artikulation nach sich zieht.
Bsp. : Der Laut "s" kann isoliert korrekt gebildet werden. Im Wortgefüge, beispielsweise im Wort " Zange" IPA: [ˈʦaŋə] wird der Laut jedoch fehlgebildet.
[Bearbeiten] Zuordnung einzelner Prozesse zur entsprechenden Prozessart
[Bearbeiten] Strukturelle Prozesse
[Bearbeiten] Tilgung
Tilgung von Konsonanten
Innerhalb eines Wortes kommt es zu einer Auslassung von einem Konsonant
Tilgung von wortinitialen Konsonanten
Bsp.: [ kanə ] wird zu [ anə ]
Tilgung von wortmedialen Konsonanten
Bsp.: [ lampə ] wird zu [ lape ]
Tilgung von wortfinalen Konsonanten
Bsp. : [ ga:bəl ] wird zu [ ga:bə ]
Tilgung von Konsonantenverbindungen
Innerhalb eines Wortes wird eine Konsonantenverbindung weggelassen.
Tilgung von wortinitialen Konsonantenverbindungen
Bsp.: [gʀyːn] wird zu [ yːn ]
Tilgung von wortfinalen Konsonantenverbindungen
Bsp.: [ bank ] wird zu [ ba ]
Tilgung von Silben
Eine Silbe innerhalb eines Wortes wird ausgelassen.
Tilgung von unbetonten Silben
Bsp.: [ bananə ] wird zu [ nanə ]
Tilgung von betonten Silben
Bsp.: [ kanə ] wird zu [ nə ]
[Bearbeiten] Reduplikation
Die unbetonte Silbe wird vollständig wiederholt und dadurch die betonte Silbe ersetzt.
Bsp.: [ˈtɛlə] wird zu [ˈtɛtɛ ]
[Bearbeiten] Reduktion
Reduktion von Konsonantenverbindungen
Eine Konsonantenverbindung wird um ein Element reduziert.
Bsp.: [fʀɔʃ] wird zu [ʀɔʃ]
[Bearbeiten] Intrusive Phoneme
Ein Phonem, das nicht in ein bestimmtes Wort gehört, wird zusätzlich eingefügt.
Intrusive Konsonanten
Bsp.: [tɛˌlɛfɔːn] wird zu [tɛˌlɛfrɔːn]
Intrusive Vokale
Bsp.: [ blau ] wird zu [ balau ]
[Bearbeiten] Systemische Prozesse
[Bearbeiten] Vorverlagerung
Phoneme, die eigentlich an einem hinteren Artikulationsort[4] gebildet werden, werden durch Phoneme, die an einem weiter vorne liegenden Artikulationsort gebildet werden, ersetzt.
Vorverlagerung von Sibilanten[5]
Sibilanten: [ ʃ ] , [ ç ]
Bsp.: [zant] wird zu [ ʃant ]
Vorverlagerung von [ ŋ ]
Bsp.: [klaŋ] wird zu [klan]
Vorverlagerung von [ k ] und [ g ]
Bsp.: [ kanə ] wird zu [ tanə ] [ gla:s ] wird zu [ dla:s ]
[Bearbeiten] Rückverlagerung
Phoneme, die eigentlich an einem vorderen Artikulationsort[6] gebildet werden, werden durch Phoneme, die an einem weiter hinten liegenden Artikulationsort gebildet werden ersetzt.
Rückverlagerung von Alveolaren [7]
Alveolaren : [ t ], [ d ], [ n ]
Bsp.: [ tanə ] wird zu [ kanə ] [ dax ] wird zu [ gax ] [ na:sə ] wird zu [ ŋa:sə ]
Rückverlagerung von Sibilanten [8]
Silbilanten:[ ʃ ], [ s ], [ z ]
Bsp.: [ˈzɔnə] wird zu [ çɔnə ] oder [bʊsː] wird zu [bʊʃ]
[Bearbeiten] Glottale Ersetzung
Ein Phonem wird durch ein glottal [9] gebildetes Phonem ersetzt.
Bsp.: [ˈʃuːlə] wird zu [ huːlə]
[Bearbeiten] Assimilation
Ein Phonem innerhalb eines Wortes nimmt Einfluss auf ein anderes Phonem, das dann dem ersten Phonem angeglichen wird. Die Angleichung geschieht hinsichtlich Artikulationsort oder Artikulationsart. [10]
Regressive Assimilation
Bsp.: [ kaput ] wird zu [ paput ]
Hier beeinflusst das [ p ] das [ k ] welches nun durch ein [ p ] ersetzt wird.
Kontaktassimilation
Bsp.: [ˈtʀɛpə] wird zu [ˈkʀɛpə]
Hier beeinflusst das [ ʀ ] das [ t ]. [ t ] und [ ʀ ] liegen den Artikulationsort betreffend weit auseinander, was die Ausssprache erschwert. Durch Ersetzung des [ t ] durch das [ k ] wird der Artikulationsort, an den des [ ʀ ] angeglichen.
[Bearbeiten] Nasalisation
Ein Phonem wird durch ein Nasal ersetzt. Dabei bleibt meistens der Artikulationsort[11] erhalten.
Bsp.: [ˈfoːɡl ] wird zu [ˈfoːɡn ]
[Bearbeiten] Vokalisation von [ l ]
Das Phonem [ l ] wird durch eine Mischung von [ i ] und [ j ] ersetzt.
Bsp.: [ bal ] wird zu [ baj ]
[Bearbeiten] Plosivierung
Ein Frikativ [12] wird durch einen Plosiv [13] ersetzt, wobei der Artikulationsort erhalten bleibt.
Bsp.: [ˈfoːɡl ] wird zu [ˈpoːɡl ]
[Bearbeiten] Veränderung der Stimmhaftigkeit / Stimmlosigkeit
Ein ursprünglich stimmhaftes / stimmloses Phonem wird durch ein stimmloses / stimmhaftes Gegenstück ersetzt.
Sonorierung
Bsp. : [ˈtaːfl ] wird zu [ˈdaːfl]
Entstimmung
Bsp.: [ bal ] wird zu [ pal ]
Konsonantenverbindung Entstimmung
Bsp.: [ blu:mə ] wird zu [ plu:mə ]
Dieser Prozess ist außerdem dialektal bedingt und ist in der Umgangssprache häufig zu beobachten.
[Bearbeiten] Deaffrizierung
Ein Affrikat [15] wird der Plosiv, der den Frikativ zum Affrikat macht genommen.
Bsp.: [ apfəl ] wird zu [ afəl ]
[Bearbeiten] Metathese
Die Reihenfolge von zwei Phonemen wird vertauscht.
Bsp.: [ gaːbl ] wird zu [ ba:gl ]
[Bearbeiten] Onsetprozess
Alle Wort - und Silbenonsets bis auf [ m, n, b, p, d, t ] werden durch [ h ] oder [ d ] ersetzt.
Bsp.: [ˈbʀɪlə ] wird zu [ˈhɪlə]
[Bearbeiten] Allophonischer Gebrauch von Lautklassen
Eine Lautklasse wird durch einen einzigen Ersatzlaut ersetzt.
Bsp.: [ f, v, s, z, ʃ, ç ] werden alle durch [ θ ] ersetzt.
In diesem Fall handelt es sich um die multiple Interdentalität.
[Bearbeiten] Vokalfehler
Ein Vokal wird durch einen anderen, inadäquaten Vokal ersetzt.
Bsp. : [ bananə ] wird zu [ bonanə ]
[Bearbeiten] Artikulatorische Prozesse
[Bearbeiten] Interdentalität
Die Sibilanten [ s ] und [ z ] und die Affrikate [ ts ] werden durch [ θ ] oder [ ð ] ersetzt.
Umgangssprachlich ist hier wieder von "Lispeln" die Rede.
[Bearbeiten] Lateralisation von Sibilanten
Ein Sibilant wird phonetisch lateral gebildet.
Bsp.: [ ʃa:l ] wird zu [ ta:l ]
[Bearbeiten] Multiple Interdentalität
Alle Alveolaren werden interdental realisiert.
--Yvonne - Marie 14:36, 15. Aug. 2011 (CEST)