Abspannen

Um eine tragfähige, ständig gestützte Phonation zu erreichen, beschreibt Coblenzer die Funktion des Abspannens. Es handelt sich dabei um den Vorgang, der die reflektorische Luftergänzung auslöst.

Ziel

Ziel des Abspannens ist es, auf der Basis der für die Phonation wichtigen Inspirationstendenz eine schnelle, gerauschlose und unwillkürliche Atemergänzung zu trainieren. Durch ein annäherndes Gleichgewicht von Inspiration und Exspiration bei der Phonation – natürlich bei leichtem Übergewicht der Exspiration – wird nach Coblenzer keine Luft unnötig verschwendet und bleibt die Stimme tragfähig. Das Abspannen ist für Coblenzer der Schlüssel zur so genannten Atemrhythmisch Angepassten Phonation, denn es verbessert die inspiratorische Spannung insgesamt und bewirkt die reflektorische Atemergänzung beim Sprechen und Singen. Dabei nennt Coblenzer die Inspirationstendenz des Körpers und das präzise Lösen der Artikulationsmuskulatur als Voraussetzung für effektives Abspannen.

Ablauf

Zum Trainieren dieses reflektorischen Vorganges und zum Transfer in die Sprech- und Singabläufe bieten sich verschiedene Übungen an. Sie haben alle gemeinsam, dass eine ausreichende (inspiratorisch wirkende) Grundspannung mit costo-abdominaler Atmung aufgebaut wird und das Lösen der Verschlüsse und Verengungen im Vokaltrakt (bei Konsonanten und Vokalen) präzise gelingt, bzw. durch schrittmachende Bewegungen unterstützt wird. Zum Beispiel kann man die Hände vor dem Körper ineinander haken. Während der Bildung des Wortes „nicht“ steigert man nun den Zug der Hände und löst sie beim /t/. In diesem Moment entweicht eine kleine Menge Restluft und das Zwerchfell wird in die Ausatemposition nach oben "gesogen". Daraufhin spannt es sich reflektorisch innerhalb von 0,2 Sekunden abwärts und die einströmende Luft ergänzt genau die Luftmenge, die beim vorangehenden Wort verbraucht wurde. In einem nächsten Schritt kann man nun die Dauer der gesprochenen oder gesungenen Wörter bzw. Töne steigern, um wiederum danach abzuspannen. Zum Beispiel erst nach jedem „nicht“, dann nach jedem zweiten, etc. Im späteren Verlauf kann das Abspannen dann mit kurzen Phrasen geübt werden: „Das glaub ich nicht, Mir doch nicht, das will ich nicht“. Und natürlich funktioniert das nicht nur bei einem "t" am Wort- bzw. Phrasenende. Bei allen Konsonanten und Vokalen, die am Ende eines Wortes oder einer Phrase stehen, kann die Artikualtionsspannung auf diese Weise und mit diesem Ergebnis gelöst werden. Im Sinne eines systematischen Übens bietet es sich meist an, zuerst Plosive und Frikative aus Auslaute zu wählen. Bei diesen Lauten lässt sich der Wechsel von Spannen und Lösen besser wahrnehmen als bei Nasalen und Vokalen. Neben der Unterstützung der Übung durch die Bewegung mit der Hand kann auch ein Bali-Gerät eingesetzt werden. Hierbei handelt es sich um eine Art Feder, die mit zwei Griffen versehen in die Hände genommen wird und durch Druck zusammen gepresst werden kann. Auch hier unterstützt diese Bewegung das Aufbauen der Artikulationsspannung und das Zurückfedern in die Inspirationsstellung. Für Coblenzer besteht die Hilfe des Bali-Gerätes im graduellen Zusammendrücken und Nachlassen der Federspannung. Eine weitere unterstützende Bewegung kann das Prellen eines Balles darstellen. Hier wird beim Prellen ein Laut oder eine Silbe gebildet und sobald der Ball die Hand verlässt, soll sich auch die Artikulationsspannung lösen. Die Einatmung vollzieht sich bei geöffnetem Mund dann wiederum reflektorisch. Hier kann besonders deutlich werden, dass ein unvollständiges Lösen der Artikulationsspannung den schnellen Bewegungsablauf stört. Nach Coblenzer wird hier für den Patienten ebenfalls deutlich, wie wichtig eine korrekte Artikulation ist.

Kritik

Das Abspannen ist keine erlernbare Technik oder Methode sondern ein natürlich angelegter, reflektorischer Vorgang, den man für ein gesundes und wirkungsvolles Sprechen und Singen nutzen sollte. Es kann also nicht darum gehen - wie oft irreführend beschrieben wird - dieses Abspannen wahlweise in stimm- und atempädagogischen oder -therapeutischen Prozessen einzusetzen. Das Abspannen ist für die Phonationsatmung mit der schnellen, geräuschlosen und unwillkürlichen Atemergänzung ein wesentliches Gütekriterium und muss von Beginn gefördert werden. Oftmals kommt es vor, dass beim Üben die Konzentration zu sehr auf die Bauchdecke gerichtet wird (statt auf das Lösen der Artikulationsspannung) und man dann glaubt, allein ein bewusstes Zurückfedern der Bauchdecke wäre das Abspannen. Das ist irreführend und kann auch nicht zu einem erfolgreichen Transfer in das alltägliche Sprechen und Singen führen. Ein hilfreiches Kriterium ist dagegen das Entweichen der Restluft am Ende der Worte und Töne. Es lässt sich gut auf dem Handrücken vor dem Gesicht spüren. Somit kann man das Verströmen der Luft spüren, das Einatmen aber so gut wie nicht. Dadurch wird deutlich, dass man auf das Einatmen beim Sprechen und Singen wirklich unwillkürlich und mühelos vertrauen kann (wenn die o.g. Voraussetzungen vorliegen). Das Abspannen eignet sich als "Schlüssel" zur Atemrhythmisch Angepassten Phonation (AAP) deshalb so gut, weil man bewusst und kognitiv gesteuert die Voraussetzungen schaffen kann, um dann den unwillkürlichen Reflex zuzulassen. Somit bietet die Beschäftigung mit diesem Phänomen sowohl erfahrungsorientierten als auch verständnisorientierten Menschen einen guten Zugang zur gesunden Phonationsatmung.

Buchhinweis

Atem und Stimme: Anleitung zum guten Sprechen
Horst Coblenzer
ISBN 3215020408


Weblinks